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Arbeitsmarkt im Ungleichgewicht

Was das für das Leadership bedeutet

5 Minuten

June 30, 2026 - 2:24 PM


Marcel Keller

Mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Personaldienstleistung und Leadership zählt Marcel Keller zu den prägenden Kennern des Schweizer Arbeitsmarktes. Als Country President der Adecco Group Switzerland bringt er an der Schnittstelle von Talent, Transformation und Unternehmensstrategie eine fundierte und praxisnahe Perspektive auf die aktuellen Veränderungen im Arbeitsmarkt ein. 

Was früher als Ausnahmezustand galt, ist heute Geschäftsalltag: Unternehmen sehen sich mit globalen Krisen, technologischer Disruption und knappen Ressourcen konfrontiert. Unter diesen Bedingungen verlieren klassische Führungsmodelle, die auf Kontrolle und Vorhersehbarkeit beruhen, an Wirkung.

Komplexität ist zur neuen Normalität geworden

Führung findet heute nicht mehr unter stabilen Rahmenbedingungen statt, sondern in einem permanenten Spannungsfeld aus Unsicherheit und Komplexität. Wirtschaftliche Unsicherheit, Transformationen, Fachkräfte- oder eher Skills-Mangel sowie neue Erwartungen der Mitarbeitenden wirken gleichzeitig – auch in der Schweiz. Die Planungssicherheit nimmt ab, Entscheidungen müssen oft unter Zeitdruck gefällt werden.

Arbeitsmarkt: Der Mangel hat die Seiten gewechselt, Führung wird zur Allokationsfrage

Beispielhaft zeigt sich dies auch im Schweizer Arbeitsmarkt. Dieser befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Qualifikationen verlieren schneller an Wert, während neue Kompetenzanforderungen quer durch alle Berufsgruppen entstehen. Die immerwährende Debatte um den Fachkräftemangel greift dabei zu kurz. Engpässe und Überangebot existieren gleichzeitig: Während Unternehmen händeringend nach den richtigen Talenten suchen, nimmt der Druck auf Stellensuchende in einzelnen Berufsgruppen zu.

Für Führungskräfte verschiebt sich damit der Fokus: Es geht weniger darum, neue Mitarbeitende zu rekrutieren, sondern vorhandene Kompetenzen intelligenter einzusetzen. Welche Skills bauen wir intern auf? Wo investieren wir in Entwicklung? Und welche Tätigkeiten müssen wir neu denken, anstatt sie nur neu zu besetzen?

Die Rolle der Personaldienstleistungsbranche

Kaum eine Branche erlebt die aktuellen Entwicklungen und Dynamiken so direkt wie die Personaldienstleistungsbranche. Sie bringt täglich Kompetenzenangebot und -nachfrage zusammen, erkennt dadurch Trends frühzeitig und bietet Lösungen. Personaldienstleister entwickeln sich damit vom reinen Vermittler zum strategischen Partner auf Führungsebene und befähigen Arbeitgeber, ihre Talentstrategien aktiv zu gestalten und zukunftsrelevante Kompetenzen zu entwickeln. Flexible Arbeitsformen sind dabei kein Zeichen von Unsicherheit, sondern Ausdruck eines Marktes, der Beweglichkeit verlangt.

Technologie macht Führung nicht einfacher, sondern anspruchsvoller

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die rasante technologische Entwicklung. Heute stehen uns dank KI digitale Technologien zur Verfügung, die sekundenschnell und in grossem Umfang Analysen, Prognosen und zunehmend auch standardisierbare Entscheidungen liefern. Was sie aber nicht liefern, ist Orientierung. Führung wird dadurch anspruchsvoller. Sie verschiebt sich vom Wissensvorsprung zu erhöhter Entscheidungsverantwortung. Wer führt, muss nicht alles wissen, aber bereit sein, unter Unsicherheit zu entscheiden und dafür einzustehen

Vertrauen ist kein reines Kulturthema, sondern ein Produktivitätsfaktor

Besonders unter diesen Umständen darf Vertrauen kein reiner «Soft Value» bleiben. Wo Vertrauen fehlt, werden meist defensive Entscheidungen gefällt, begleitet von Silodenken und stetiger Absicherung nach oben. Ist hingegen Vertrauen vorhanden, entstehen Dynamik, Innovationsfähigkeit und echte Bindung. Diese Wirkung zeigt sich in Time-to-Hire, Fluktuation, Lernkurven und letztlich in der Wertschöpfung. Wirksame Führung muss also Erwartungen mit psychologischer Sicherheit verbinden. Denn Leistung einfordern ohne Vertrauen reicht nicht aus – Empathie ohne Anspruch ebenso.

Im aktuellen komplexen Marktumfeld wird eines klar: Führung ist der entscheidende Hebel im stetigen Wandel. Organisationen bleiben damit handlungsfähig, wenn die Unsicherheit steigt, Märkte sich bewegen und die Komplexität zunimmt. Dabei bedeutet wirksame Führung heute nicht, perfekte Antworten vorzugeben, sondern entscheidungsfähig zu bleiben, wenn es keine einfachen Antworten gibt. Denn daran zeigt sich, wer sich im Wandel behauptet – und wer nicht.